Erlebnisbericht vom SKS-Sauerland MTB Marathon, oder: Aaaalter, wie geil ist das denn?
Nach meiner nicht wirklich freiwilligen (Rad-) Sport Pause im Frühjahr will ich zum Ende der Saison nochmal eine Attacke reiten. Bei Bei meinen Testritten beim Kölkencup und den 3 Stunden von Detmold, habe ich den Motor erstmals richtig hochgedreht. Und siehe da, er hat gehalten!
Hurra !! Also auf ins Sauerland.
Die Anfahrt im Morgengrauen in´s idyllische Schmallenberg-Grafschaft, wird aufgrund eines defekten Tom Tom´s mittels Shell-Atlas (Jg. 1986) angegangen. Es sind nur 4cm auf der Karte, also reichen die 2,5 h bis zum Start dicke aus. Doch ab Brilon war Schluss mit lustig. Großbaustellen, die selbst in Bielefeld anno 2009, Bewunderung hervorrufen würden, zwingen mich auf Nebenstrecken und somit ins Reich der gelben Nummernschilder. Also cool bleiben, einfach mit 45 km/h hinterherzuckeln und die herrliche Landschaft im HSK genießen. Piekfeine idyllische Dörfer in traumhafter Spätsommer-Morgen- Kulisse, entlocken mir ein erstes: „Aaalter wie geil ist das denn hier?“ Doch beim Blick auf Uhr, Tacho und Thermometer, holt mich eine schlimme Befürchtung zurück in die Realität. Es ist schon 8:30, ich bin noch nicht mal in Olsberg, draußen sind es gerade mal 8°C und an der nächsten Steigung werden die mit den gelben Nummernschildern dort vorne, anhalten und vorsorglich schon mal ihre Schneeketten aufziehen. Und es sind wahrscheinlich genau die gleichen Benelux Kampfsäue die, gesetzt den Fall wir erreichen jemals Grafschaft, nachher beim Rennen mit Höllenspeed durch die Wälder jagen und mich ganz alt aussehen lassen werden.
Ca. 15 km vor dem Startort kommen mir schon die ersten Heißkisten beim Warmfahren entgegen. Wahrscheinlich Holländer, die müssen schon vor ner Woche Zuhause losgefahren sein.
Noch 40 Min bis zum Start. Mit Warmfahren wird wohl nix werden. Also schon mal die Klamotten zusammensuchen, anziehen (kein Problem bei 35 Km/h Reisegeschwindigkeit), Kassette von Suicidal Tendencies rein, Fenster runter, mitgröhlen und warmrocken im Auto.(Das Riff von : Why don´t you kill your fucking self ? Sollte mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Ohr gehen
Und schon wieder entfährt mir ein:“ Aaalter wie geil ist das denn ?“
Endlich da ! Noch 5 Min. bis zum Start. Da ist sogar noch ein Parkplatz hinter dem Flatterband, wo noch gar keiner steht. Super, extra für meinen Opel freigehalten! (Genau an dieser Stelle sollte 5 Min später eine 1000 köpfige wildgewordene Mountainbiker-Horde entlang preschen)
Wichtig ! Noch ein kurzer Materialcheck. Denn hier will ich nicht riskieren,dass mir, wie letzte Woche beim Rennen in Detmold, `ne Kurbel oder andere wichtige Bauteile meiner scharfen Giant Carbon Rennfeile, verlustig gehen. Denn dass könnte unter Umständen einen 30 Km Fußmarsch durch die Wildnis, zurück zum Start, bedeuten.
Aber halt, noch wichtiger!! Ich packe mir einen Stapel Arminia Aufkleber ein und auf dem Weg zum Start beklebe ich jeden Laternenmast und jedes Verkehrsschild. Und bevor die unbescholtenen Bürger von Grafschaft sich versehen, haben die Blauen das Dorf quasi im Handstreich eingenommen.
Hurra, hurra, die Bielefelder die sind da !!
Noch eine Minute bis zum Start und vor mir auf der Dorfstraße steht ein schier endlos bunter Lindwurm, der vor Adrenalin strotzend, mit den Hufen scharrend, auf den Startschuss wartet um dann wie eine Stampede los zu donnern.
Also mogele ich mich an den Ordnern vorbei in die 1. Startreihe und frage ganz schüchtern: „Tschudigung, darf ich da mal rein. Ich war im Stau und bin Lizens“

Da stehe ich nun in Reihe 1, schaue mich um und denke mir: Aaalter wie geil ist das denn hier? Ich bin back in the pack. Da stehen sie ,die ganzen Helden der Szene. Die Jungs aus der Lexxi Sekte um den heiligen Nicolaus*, Tom Pink* (wie immer in rosa Söckchen), Andre von Doornkaat*, Klaus Reinlich* ( wie immer mit frisch geputzten Bike) Thomas Schnulze-Piephan* mit seinen Knackarsch Ladies vom Burn Baby Team. Dabei schweife ich für einen winzigen Moment ab und bin gedanklich schon bei der After Race Körperpflege in den grauen DRK Duschzelten.
Eine Haufen roter Nissan Trikots und ein gurgural, grunzendes Sprachgewirr, zeugen davon dass Holland und Belgien hier vorne stark vertreten ist. Und ja, dort steht er in voller Pracht: König Ramses Bekloppt*
Und das schönste: Ich muss nicht einmal meinen gestreckten Mittelfinger zücken, um die blöden Blicke und Kommentare von spießigen Straßenfahrern der weiße Socken Fraktion, über meine sexy Thrombose-Strümpfe zu kontern.
Startschuss und los geht’s. Sofort hetzt die Meute in die Straße hinein, in der ich geparkt habe.
Ich ahne Böses. Ich sehe Böses. Ich höre Böses. Jawoll, ganz vorn zieht die Arschkrampe vom SKS Team akkurat mit dem Lenker an meinem geliebten Vectra entlang. Ahhhhrghhh!!!!!!
Als ich vorbei fahre traue ich mich nicht hinzuschauen. Aber ich schwöre Rache, werde hinterher hetzen und den Rüpel mit einem Griff an den Lenker ins Gebüsch befördern.
Wird allerdings ein schwieriges bis unmögliches Unterfangen. Denn es geht sofort einen sausteilen Berg hoch und geschätzte 95% des Starterfeldes rasen rechts und links an mir vorbei. Nix mit einholen. Ich habe das Gefühl ich stehe, obwohl ich mit 180´er Puls Vollgas gebe. Beine wie Blei. Aaalter gar nicht geil !
Am Ende der Steigung komme ich dann so langsam in Fahrt und kann dann wieder Boden gut machen. Aber die Spitzengruppe ist weg. Auf der ersten langen Abfahrt wird’s mir zu gemütlich und ich merke da geht vielleicht doch was. Also Finger von der Bremse und laufen lassen. Und gerade da, wo ich sonst immer Plätze verloren habe, hole ich auf. Anscheinend scheint das ausgiebige Studium der Lektüre „Fahrtechnik for Runaways“, im Krankenhaus, seine Früchte zu tragen.


Am 2. langen Anstieg komme dann ich so richtig ins Fahren. Die Beine machen Druck und es geht ordentlich vorwärts. So langsam macht´s richtig Spaß. Auf dem Rothaarkamm erreiche ich eine 6´er Gruppe, die gut Tempo macht. Also ranklemmen.
Auf den nächsten Kilometern habe ich echt Fun. Wir knallen mit High Speed Tempo 65 über die Forstwege und ich kann locker mithalten. Mir geistert ständig der Song von S.T. im Kopf herum und in den Abfahrten singe (gröle) ich euphorisiert und lauthals“ Among the Living“ von Anthrax. Meine Begleiter denken sicher: Was haben wir denn da für nen bekloppten im Schlepptau? Und erneut entlockt es mir ein: Aaalter, wie geil ist das denn hier?

An einer abgelegenen Stelle vernehme ich den Radioklang von WDR 2 Sport und Musik. Rufe dem Streckenposten zu: Ey, wie hat Arminia gespielt?
„Hä? Arminia?“ kommt zurück.
Ach ja, ist schon klar. Hier im tiefsten Sauerland rekrutiert ja bekanntermaßen die Asi-Ruhrpott-Mafia, ihre Anhängerschaft. (Suicide is your alternative)
Über mir fliegt ein Rettungshubschrauber. Für einen kurzen Moment fährt mir ein Schreck in die Glieder. Was wäre wenn ich mich richtig ablege? Wie lange würde es dauern bis ich dank blutverdünnendem Marcumar ausgelaufen wäre?
Würden die Sani´s schnell genug bei mir sein ? Ich vermute: Nein ; oh oh.
Schnell den Gedanken wegdrücken, denn wer zu viel denkt macht (Fahr-) fehler. Also Finger vonne Bremse und dranbleiben. Aufholjagd ist angesagt.
Um mich anzutreiben bin gedanklich wieder beim DSC. Steht wahrscheinlich schon 3:0 und Chris Katongo (Fußballgott!!) hat gerade seinen zweiten 3fach Salto rückwärts zelebriert. Also: „Auf geht’s Herr Kickert, kämpfen und siegen“
Als ich just frohlocke, dass meine Gruppe super läuft und mich die Jungs recht komfortabel ins Ziel schaukeln, um sie im Zielsprint alle stehen zu lassen, biegen 4 von ihnen, an der Streckenteilung, ab in die Langstrecke.
Und plötzlich sind wir nur noch zu zweit im Wald. Fuck!

Also Taktik ändern und den lästigen Begleiter am letzten Berg abzuschütteln.
Ich blase zur letzten großen Attacke. Meine Beine machen super Druck und der Typ von Firebike ward nicht mehr gesehen. Mehr noch, am Kulminationspunkt bin ich auf eine größere Gruppe aufgefahren, aus der ich mich in der folgenden wilden Abfahrt, lösen kann.

In dem offenen Wiesenabschnitt oberhalb von Grafschaft, schließe ich zu Dirk Piephan* (dem alten Tretvieh) auf. Hier bläst uns der Wind mächtig vor die Brust. Also verabreden wir bis zum Ziel eine Zusammenarbeit, ansonsten würde uns die große Gruppe, 50 m hinter uns, wieder einholen. Wir halten unseren Vorsprung bis ins Dorf. Allerdings gibt’s hier keine Zielgerade, sondern es geht die letzten 30 m bis zur Ziellinie einen fiesen 20 %´ter hoch.
Meine Beine geben mir Bescheid, dass ich froh sein muss wenn ich die Rampe überhaupt fahrend erklimmen kann. Also rufe ich zu meinem Co-Piloten: „ Im Sprint auf der Rampe haste keine Chance gegen mich, ich hab mich noch gar nicht ausgetobt. Aber weil wir gerade so gut harmoniert haben, können wir gemeinsam über die Linie fahren ?“ „O.K.“ seufzt er.
Und genauso machen wir es. Händchenhaltend unter dem Jubel der Zuschauer rollen wir über die Linie. Und der Rennsprecher brüllt was vom 6. Platz.
Was? 6.Platz ? Im ersten echten Rennen nach meinem Meeting mit dem Sensenmann. Aaalter wie geil ist das denn?

Anschließend wird vor der Schützenhalle noch nen bischen gefeiert. Nic ist 2. und Andre 3. geworden.
Mein schickes Rennpferd bekommt noch extra Lob und ne Dusche, auf welche ich allerdings trotz meiner Phantasien vom Start, aus Zeitgründen verzichten muss.
Auf der entspannten Heimfahrt, berausche ich mich erneut an der tollen Landschaft und den schönen Dörfern. In mir entwickelt sich eine Vision: Einfach die hübschen Fachwerkhäuser, mit Schieferdach und Blumenbalkonen, hier abtragen, und sie am Kesselbrink wieder aufstellen. Und nen Bikepark an der Sparrenburg, nen Sessellift an der Schwedenschanze, ne Bobbahn von der Hünenburg nach Odlerdissen,…………………………………………………………..
Getrübt wird meine Euphorie allerdings durch die Tatsache, dass ich inzwischen von Arminia´s 1:2 Heimklatsche erfahren habe.
Scheiß was drauf, nächstes Wochende wird gesiegt. Im Playmobil-Stadion (wie lächerlich!) und am Zierenberg.
to be continued
Kick
* Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind gewollt und gar nicht rein zufällig. Für die Richtigkeit der Angaben trägt der Autor wie immer keine Gewähr.
P.S.: Den Typ vom SKS Team, der böse zu meinem Vectra war, habe ich nach dem Rennen noch getroffen und ihm demonstriert was wir in OWL mit solchen Strolchen machen!

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