2000 Jahre ist sie her, die Varus-Schlacht, als Hermann der Cherusker die stolzen Römer hier stoppte. Mythen und Sagen ranken sich um Ort und Tat. Aber ein tapferer Bielefelder Lehrender (ob er persönlich dabei war, läßt er offen) namens Jürgen Buchmann
hat in seinem noch unveröffentlichten Buch “Helden. Geschichten aus OWL” die Briefe des Quintilius Varus an Tacitus aufgeschrieben. Wir dürfen schon einmal exclusiv in die beiden ersten Briefe schauen und lesen Köstliches:
ALLES KLAR IN OSTWESTFALEN.
DIE GEHEIME KORRESPONDENZ
DES QUINTILIUS VARUS
Die Frage, wo die Varusschlacht stattfand, ist in mehr als 700 Untersuchungen diskutiert worden. Sehr viel seltener wurde die Frage geprüft, ob sie überhaupt stattfand. Der folgende, bisher unpublizierte Briefwechsel wirft darauf ein neues Licht.
I.
Varus Tacito salutem.
Mein lieber Tacitus! Die germanische Expedition gestaltet sich vollständig anders als vorgesehen. Wir sind nirgends auf nennenswerten Widerstand gestoßen. Lediglich das Fünfte Pionierbataillon unter Gaius Manilius wurde bei dem taktischen Versuch, die Rheinbrücke bei Köln abzureißen, zurückgeworfen. Ich habe mich darum entschlossen, die Legionen unter Gnaeus Lerius in Xanten zurück-zulassen und den Weg nach Ostwestfalen-Lippe mit einer Bedeckung von lediglich einhundert Mann aus der Decima Nona Augusta allein fortzusetzen. Unser Ziel wird Bielefeld sein, die Kapitale des Landes. Ein heckenschneidender älterer Herr, der uns in Harsewinkel am Gartenzaun den Weg erklärte, machte viel Rühmens von dem Ort, der sechzehn Beerdigungsinstitute besitzen soll.
Ich schreibe dies in dem Lager, das wir heute bei Borgholzhausen zu Füßen des Teutoburger Waldes aufgeschlagen haben. Das Städtchen ist für seine Lebkuchen bekannt; als Nachtmahl war dennoch wie seit Tagen nur Pickert mit Rübensirup zu erhalten, das Einzige, wovor die Truppe sich fürchtet. Die Männer fassten missvergnügt Essen, beaufsichtigt von Sextus Abulenius, unserem Centurio, der mit der unnachgiebigsten seiner Mienen ihre Feldgeschirre füllte.
Inzwischen ist es Mitternacht. Weit entfernt, irgend-wo in der undurchdringlichen Finsternis, kläfft ein Hund. Das Lager liegt im Schlaf, und nichts ist zu hören als die Parole der Wache „Livia Augusta“ und die wiederkehrende Antwort „Semper felix faus-taque“: der militärische, pendelnde Puls der Nacht, der jedem Soldaten aus dem Halbschlaf vertraut ist, präzise wie der Mechanismus einer alexandrinischen Klepsydra. Ich blicke auf und sehe an dem samt-schwarzen Himmel die gleiche Milchstraße funkeln, die ihren Silberstaub über die Zypressen von Rom streut. Und während ich die Decke über meinen Kopf ziehe, frage ich mich, wann ich wieder zu Hause sein werde.
Am späten Vormittag sind wir in Werther einmarschiert, einen Ort, der für die Schönheit seiner Frauen und seine Bonbons bekannt ist. Die Eindrücke sind mehr oder weniger die gleichen wie überall, wo wir einmarschieren, sei es in der Cyrenaica, Cappa-docia oder Germania Inferior: Die Straßen gesäumt von Barbaren, die halb verblüfft, halb misstrauisch unsere Rüstungen begaffen; schreiende Kleinkinder, kichernde Teenies und Ordnungskräfte, die schwitzend den Verkehr umleiten. Ich wurde gefragt, ob unser Zug angemeldet sei. Meine in lateinischer Sprache gegebene Antwort, wir seien im Auftrag des Göttlichen Augustus gekommen, um Ostwestfalen-Lippe zu pazifizieren und der Herrschaft des Senats und des Römischen Volks zu unterwerfen, schien den Mann zu beeindrucken; er gab achselzuckend den Weg frei.
Die Manieren der Einheimischen haben im allgemei-nen wenig Gefälliges. In Huxohl, einer Ortschaft, die aus einem Zapfhahn und einer Kegelbahn besteht, zog ich Erkundigungen über den Weg nach Bielefeld ein und empfahl mich mit einem verbindlichen Lebwohl, „Fac valeas.“ Der Flegel warf mir einen Blick zu und erwiderte säuerlich „Fuck yourself. “
Ich sende Dir diesen Reisebericht mit einer Brieftaube, die nach Xanten zurückeilt, pünktlich genug, wie ich hoffe, für ihre gefiederte Kollegin, die nach Rom geht. Vale.
II.
Varus Tacito salutem.
Heute am frühen Nachmittag marschierten wir in Bielefeld ein. Ich ließ die Männer auf dem Kesselbrink antreten, pflanzte den römischen Adler und die Rutenbündel auf und ergriff in einer kurzen, aber würdigen Zeremonie im Namen von Senat und Volk von Rom Besitz von dem Land, nicht ohne an die Wohltaten des Göttlichen Augustus in der Vergangenheit zu erinnern und Freundschaft und Schutz des Römischen Volks in Aussicht zu stellen.
Zwei Uniformierte, deren Fahrzeug sich mit Sirene und Blaulicht den Weg durch die zusammengeström-te Menge gebahnt hatte, forderten mich auf, meine Papiere vorzulegen. Ich ließ ihnen von meinem Adjutanten eine vorbereitete Mappe überreichen, die Bilder von Korinth und Karthago enthielt, vorher und nachher. Gaius Sempronius, unser Artillerie-offizier, unterstrich entgegenkommend, es werde nicht mehr als eine halbe Stunde brauchen, um eines unserer Katapulte zu montieren, und nur einen Bruchteil dieser Zeit… er unterbrach sich, um einen Blick auf das gegenüber befindliche Polizeipräsi-dium zu werfen. Die Beamten blätterten mit erkennbarer Nervosität in unserer Dokumentation. Eine mit dem Handy geführte Debatte mit einem Vorgesetzten konzentrierte sich, parallell zur Montage unseres Katapults, auf geeignete Formen der Deeskalierung. Schließlich ersuchte man uns, zunächst auf den Johannisberg abzurücken, ein Gelände am Teutoburger Wald, das sich besser zum Lagerplatz eigne.
Nach kurzer Beratung mit meinen Offizieren und Prüfung der Karten erklärte ich mich einverstanden. Unter Blaulichtgeflacker verlegte die Truppe auf die bezeichnete Höhe, wo wir das Lager aufschlugen. Trotz der Proteste hinzugeeilter Zivilisten gelang es unseren Fourageuren, in einem nahegelegenen Wildpark zwei Wisents zu erlegen, eine Art wilder Rinder, an denen die Wälder Germaniens reich sind und die eine willkommene Abwechslung zu unserem Pickert mit Rübensirup lieferten.
Schon spreizt meine gurrende Post ihr Gefieder: Vale.

Jürgen Buchmann, geboren 1945 in Schaumburg-Lippe, promovierte in Philosophie und Klassischer Philologie und lebt seit 1975 als Schriftsteller und Lehrender der Universität in Bielefeld, umgeben von Grammatiken, Musikinstrumenten und lippischen Landkarten. Sein literarisches Werk umfasst neben der HERMANNSVERFINSTERUNG Satiren, Essays, Reden, Parodien, Über-setzungen und poetische Prosa. Ein Sammelband mit dem LOGBUCH VOM MEER DER FINSTERNIS, der PHANTASTISCHEN TOPOGRAPHIE DER HANSESTADT LÜNEBURG, der GRAMMATIK DER SPRACHEN VON BABEL und der EINSCHIFFUNG NACH CYTHERA ist unter dem Titel ABWESENHEITEN für 2009 vorgesehen.
Mehr zu Autor und zum Bielefelder Verlag erclickt man sich hier.
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