Nostalgie überkam mich, als ich letzte Woche unsere Detmolder Straße entlangbrauste.
Da standen sie, die Überreste der englischen Kasernen, die früher von süßen Soldaten im Durchschnittalter von 22 bevölkert worden waren.
Was hatten wir doch Spaß in unserer Stammdisko damals.
Und was haben wir für obszöne Schimpftiraden von denen gelernt.
Und Fachbegriffe, die in keinem Buch verzeichnet sind, so wie „Choopter“ z.B.
Schreibweise? Fragt mich nicht, aber die Bedeutung ist jene: Ein einsamer Schafhirte, der in Ermangelung weiblicher Gesellschaft mit seinen Schafen… Halma spielt.
Oder „Beanflicker“, den Sinn dieses sympathischen Wortes behalte ich allerdings für mich (er erschließt sich jedoch dem aufmerksamen Leser).
Dann die normalen Beleidigungen, ohne die man in einer dieser Art Disko nicht lange überlebt:
„Piss off!“ und „F*ck off!“ sind natürlich die beliebtesten gewesen.
Andere führe ich hier nicht auf, die behalte ich in meinem Herzen.
Aber so mit knappen 70 auf dem Tacho auf der Detmolder, kann man sich ein paar nostalgische Tränen kaum verkneifen. Ach, schee war’s, wenn sich alle männlichen Engländer auf der Tanzfläche bei „I’m too sexy“
ihrer Kleidung entledigten und enthemmt schlenkern ließen, wenn jeden Abend mindestens eine Schlägerei losbrach oder ab und zu Bombenstimmung buchstäblich aufkam, weil wieder einmal die IRA unsere Zuflucht mit einem einzigen Anruf leerfegte.
Weniger schee war’s, wenn die Männertoilette überlief. Dann waren Frauen, die mit offenen Schuhen tanzten, im wahrsten Sinn des Wortes angepisst. Die Suppe floss dann durch das ganze Gebäude. Ich hatte zum Glück immer Turnschuhe an, erfahrener Besucher, der ich war.
Das gute an den wüsten Beleidigungen, die man von den Engländern lernte, war, dass man sie unbesorgt an nervigen Deutschen auslassen konnte. Damals verstand einen keiner. Nur große, verwirrte Augen machten sie.
Das verschaffte uns jungen Hühnern denen gegenüber einen beachtlichen Vorteil. Kam so einer zu uns rüber und fragte ungelenk auf Englisch, ob wir etwas trinken wollten, um sich dann seinem Kumpanen zuzuwenden und
ihm auf Deutsch zu erzählen, dass er uns „klarmachen“ würde, denn er nahm ja an, wir wären Engländerinnen und verstünden ihn nicht, wandten wir unsere erlernten Kenntnisse auf das Fürchterlichste an und verfluchten ihn, dass jedem amüsierten Engländer die Ohren schlackerten.
Anstatt uns ‘klarzumachen’ schlich der Deutsche beschämt mit hängenden Ohren von dannen.
Und dann stand ich da an der Ampel, versunken in Erinnerungen. Sie zeigte grün. Nichts bewegte sich. Der vor mir war aber nicht die Schnarchnase, sondern der vor ihm.
Warm war’s an jenem Tag, der Mentholqualm meiner Zigarette entwich durch das offene Fenster.
Also tat ich, was jeder erfahrene Daily Show Stammzuschauer getan hätte. Ich brüllte zum offenen Fenster hinaus:
„Move it, Douche Bag!“
Tatsächlich setzte sich der kleine Konvoi daraufhin in Bewegung. Der direkt vor mir wechselte gleich nach der Ampel auf die linke Spur – zweifellos wollte er so weit wie möglich weg von mir – und gab den Blick auf den Lahmi frei. Ich runzelte die Stirn. Und noch bevor ich entsetzt das pipigelbe Nummernschild wahrnahm, sah ich, dass er das Lenkrad auf der falschen Seite hatte.
Au weia! Ein Engländer! Und noch dazu ein Großer, grimmig in den Rückspiegel stierender! Ich setzte ein entschuldigendes Grinsen auf, exakt jenes hier, auch die Gesichtsfarbe passte in diesem Augenblick genau: 
Zum Glück haben die Engländer eine Menge Humor. Er grinste zurück und wackelte mit dem erhobenen Zeigefinger. Und dann setzte er auf die linke Spur, und ich schlich beschämt mit hängenden Ohren von dannen.
Wahr oder nicht?
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