
An der Tageszeitung NW Bielefeld ist die SPD über die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft GmbH (DDVG) zu fast 60% beteiligt. Leser und Abonnenten könnten also problemlos annehmen, sie blätterten in einer Zeitung, die auf der Linie des Parteivorstandes schwimmt. Das dem nicht so ist, aber auch nicht herausfindbar ist, wohin die schwammige Linie dieses Blattes führen soll, ist der heutigen Ausgabe zu entnehmen. Unser Kommentarliebling Alexandra Jacobson schickt aus Berlin eine Ergebenheitsadresse an die neue Darmstädter SPD-Landtagsabgeordnete Dagmar Metzger und ergeht sich in Vokabularien wie “Hut ab!” oder “Politiker mit Rückgrat” und bescheinigt ihr “Mut”. Mut, liebe Starkommentatorin wäre, aus der Partei auszutreten. Mut wäre, sich dazu zu bekennen, vom “Seeheimer Kreis” der SPD, jenen SPD-Totengräbern und Hartz 4-Schaffern um die “Reformer” Steinmeier, Steinbrück, etc. als Gallionsfigur aufgestellt worden zu sein. Mut kann ich nicht darin sehen, sich zunächst unter dem Schirm des SPD-Parteiprogrammes wählen zu lassen und danach die Kassandra gegen “Links” zu spielen. Es ist schlicht Parteischädigend.
Da der namentlich persönlich gezeichnete Kommentar der Zeitung offensichtlich nicht genügt, gräbt sie ein angeblich SPD-nahes Fossil aus: Der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler (77,) der niemals Parteimitglied war, wendet sich “öffentlich” von der SPD ab – “aus Frust über ihre Öffnung zur Linkspartei”. Auch hier hätte der Zeitung gut angestanden, ihren Lesern zu vermitteln, wer Hans-Ulrich Wehler war oder ist, was er publiziert hat und wofür er überhaupt steht. Helfen wir mal nach und zitieren eine Rezension seines Vierten Bandes “Deutsche Gesellschaftsgeschichte” aus der “Berliner Zeitung” vom 24.09.2003 unter “Faktennebel über Bielefeld”, die Standpunkt, Bedeutung und Arbeitsweise des SPD-Abwenders ins rechte Licht rücken:
Hans-Ulrich Wehler kann die christlichen Kirchen nicht leiden, verkürzt das Dritte Reich nonchalant auf den “charismatischen Führer” Hitler und behauptet, in Auschwitz seien zwei Millionen Menschen ermordet worden. Wie heute jeder Schüler richtig lernt, waren es etwa eine Million. Der vierte Band von Wehlers bedeutender, 1700 beginnender deutscher Gesellschaftsgeschichte umfasst die Jahre 1914 bis 1949 – und daran ist der Autor auf halber Strecke gescheitert.
In der Summe legen die Schwächen des Bandes eine Vermutung nahe: Wehler wird diesen Teil des Buches in den frühen 80er-Jahren als Vorlesung ausgearbeitet und später nur oberflächlich aktualisiert haben. Um den Mangel zu kaschieren, versteigt er sich in den schnarrenden Ton des Rechthabers, ob es nun um Hans Mommsens These vom “schwachen Diktator” oder um die “zeitgeistgemäß vermittelte Foucaultsche Modernitätskritik” geht. Wehler sagt anderen eine “eigentümliche Syntheseunfähigkeit” nach und hat doch selbst nicht die Luft zu einem zusammenfassenden Schlusskapitel. Er ist an der Sozialgeschichte des nationalsozialistischen Deutschland gescheitert. Das ist keine Schande. Übergreifende Geschichtsschreibung braucht einen gewissen Abstand, der im Fall des NS-Staates noch nicht erreicht ist.

Ob das der richtige Zeitzeuge zur richtigen Zeit ist? Politik ist per se ein dreckiges Geschäft. Der “Ehrenworte” gibt es Hunderte, der Wortbrüche Legion. Dazu noch “Brutalstmögliche Aufklärungen” und “Jüdische Vermächtnisse”, “Bimbes” und “Schäublesche Geldkoffer”, “Blühende Landschaften”, “Soli nur kurzzeitig”, “Klimalüge” und, und, und. Die SPD wird an ihrer Aussendarstellung – siehe NW – und ihrer offensichtlichen Unfähigkeit, mit dem Thema “Linke” pragmatisch statt populistisch umzugehen, scheitern. Der arg provinzielle Seeheimer Kreis könnte dann ja unter Stabführung seines stets leicht tumb wirkenden Häuptlings Johannes Kahrs und Voranstellung der “Mutigen Märtyrerin” Dagmar Metzger eine “richtige” SPD gründen. Hartz 5 mit persönlicher Versklavung wäre da noch zu entwickeln, die Renten zugunsten der Unternehmenssteuern weiter zu senken und die Gesundheitsreform so zu reformieren, das Krankenkassen, Pharmaindustrie und Ärzte endlich mehr als 50% Rendite haben. Das Parteiblatt ist schon da. In Bielefeld. Kann aber auch sein, das das Blatt dann plötzlich zur Jubelpostille der schon häufig gefeierten Dr. Angela Merkel wird. Nichts Genaues weiß man nie bei der NW (“Neue Wahrheit”?). Ach doch, eins weiß man: schlampig recherchierte Geschichten, einseitige Meinungsmache und ganz viel Lokalkolorit. Diese Zeitung ist einer der Gründe, warum Bielefeld so ist, wie es ist.
Apropos “Seeheimer Kreis”. Lesen Sie mal bitte diese Passage aus der Web-Eigendarstellung der “Seeheimer in der Bundestagsfraktion”:
Innerhalb der Bundestagsfraktion der SPD steht der Seeheimer Kreis für eine zukunfts- und ergebnisorientierte Politik. Er ist die Stütze der Fraktion und dem Bundeskanzler ein zugleich kritischer und verlässlicher Partner: Die Seeheimer fördern und tragen eine Politik, die neue Rahmenbedingungen für eine moderne Welt definiert ohne die sozialdemokratischen Grundwerte zu vernachlässigen.
Dem Bundeskanzler?
Ach ja, Sie waren ja die staatstragende Plattform von Gazgerd Schröder. Tragen Sie nun Frau Dr. Merkel?…… Leider keine gute Empfehlung. Diese kleine Grafik der Umverteilung, an der sie fleißig mitgebastelt haben, schenken wir Ihnen:

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