Unlängst besuchte ich eine Verwandte in einer holsteinischen Kleinstadt.
Als wir gemeinsam ein Geschäft aufsuchten, und sie nach einer Zeitschrift fragte, sagte der Verkäufer, daß er die nicht führe.
Als wir wieder draußen waren, machte sie ihrer Wut über den rüden Ton des Verkäufers Luft. Der war mir kaum aufgefallen, doch nun, da sie es sagte, mußte ich es auch feststellen.
Warum aber war mir das kaum aufgefallen?
Weil ein roher, schnippischer oder wie auch immer unfreundlicher Ton in der Großstadt die Regel ist, sofern nicht der Chef oder die Chefin selbst bedient, denn die haben ja ein besonderes Interesse daran, daß der Kunde wiederkommt.
Das sollten zwar auch die Angestellten haben, denn schließlich hängt vom Erfolg des Unternehmens ihr Arbeitsplatz ab, aber so weit denken sie nicht.
In einer Kleinstadt ist ein so abturnender Ton dagegen die Ausnahme, weil es immer gut möglich ist, daß man mit dem betreffenden Kunden auch in anderer Weise zu tun bekommt: Der Kunde könnte ein späterer Sportkamerad sein, oder der Klempner, der sich für die erlittene Unfreundlichkeit mit Pfusch rächen könnte – oder ein Lehrer, dem man dann beim Elternsprechtag begegnet.
Das alles ist in einer Großstadt wie Kiel so unwahrscheinlich, daß man auf Freundlichkeit als Vorsichtsmaßregel verzichten kann.
Und nur die, die von Natur aus herzlich sind – nebst denen, die klug genug sind, weit genug zu denken, um zu erkennen, daß Freundlichkeit ihren Arbeitsplatz retten kann – erwärmen den Kunden mit ihrer Art.
Es kommt natürlich auch auf die Erscheinung des Kunden an. Jedenfalls habe ich noch nie gehört, daß sich eine schöne Frau je über mangelnde Freundlichkeit eines männlichen Verkäufers beklagt hätte.
Nun bleibt allerdings noch die entscheidende Frage, die ich bis zum Ende des Artikels aufgeschoben habe:
Ist das Problem nicht nur, daß Kiel eine Großstadt ist, sondern ist das Problem, daß Kiel Kiel ist?
Mit anderen Worten: Ist der Kieler tatsächlich im Durchschnitt reservierte, ja patziger als der Durchschnitts-Mitteleuropäer?
Es geht ihm ja ein solcher Ruf voraus. Ich aber möchte die Frage lieber fürs erste offen lassen.


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